• 17.10.2021

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Alt, männlich, weiß und gelangweilt

skandinavien

» Artikel vom

Gastautor: N.N.

Sozialarbeit ist ein beliebtes Studienfach. Heute besteht praktisch jede/r/s, der/die/das möchte, die Bachelor-Ausbildung. Vor 20 Jahren, als ich studiert habe, war das Ganze auch nicht viel schwieriger. Schon damals fiel mir eine starke ideologische Komponente in der Ausbildung auf. Zu dieser Zeit gab es auch die ersten Gender-Seminare. Der Frauenanteil unter den Studierenden lag bei etwa 85%. Viele meiner Kommilitonen waren allerdings Kinder der 90er Jahre, aufgewachsen mit einem prägnanten Arbeitsethos der Elterngeneration und in der allgegenwärtigen Gefahr der Arbeitslosigkeit. Entsprechend ernst nahm ein Teil von uns dieses Studium. Der Rest bestand schon damals aus jenen, die heute die Sozialwissenschaften dominieren: Überwiegend weibliche Naivos, zu dumm für gute Theorie und zu faul für eine Lehre. Auffallend war, dass die drei Kommilitonen, die ihren Abschluss mit Auszeichnung machten – eine 1,0 war selbst in diesem Studiengang gar nicht so leicht zu kriegen – allesamt männlich waren.

Was ich sagen will: Unter uns waren einige „Arbeitstiere“, für die dieser Job wie jeder andere war. Wir gingen davon aus, dass man anpacken muss. So stürzte ich mich in die Praxis und half den Bedürftigen. Nebenher betrieb ich weiter Theorie, was aber im Laufe der Jahre immer schwieriger wurde, weil jene, die ihren Broterwerb ausschließlich über die „wissenschaftliche“ Laufbahn zu sichern gedachten, die Konkurrenz aus der Praxis nicht gern sahen. Jedenfalls war die praktische Arbeit erfüllend und auch anspruchsvoll. Klar, auch zu dieser Zeit tummelten sich da schon jede Menge alte Weiber, teilweise ohne Studium und mit sehr abenteuerlichen Hintergründen. Aber das gute alte Arbeitsethos war überall spürbar (ins Amt bin ich erst später gegangen), ebenso ein Bedürfnis denjenigen zu helfen, die tatsächlich Hilfe benötigten.

Das hat sich geändert. Sozialvereine, Jugendclubs, Obdachlosenstuben – alles wird mittlerweile hinsichtlich politisch opportuner Themen durchleuchtet. Jede Menge Projekte gegen Rassismus, teure Aktionen für Gender-Sensibilisierung, aber immer weniger Hilfen für wirklich Bedürftige. Wenn die an der Gesellschaft tatsächlich nicht mehr Teilhabenden von meinen ach so woken Kolleginnen überhaupt noch gesehen werden, dann schwingt immer ein „selbst schuld“ mit. Die Sozialarbeit ist faul, fachlich schlecht und entsetzlich langweilig geworden. Und so schreibt hier ein alter, weißer Sozialarbeiter, den man mit Wissenschafts- und Methodikwissen vollgepackt in ein verheißungsvolles Berufsleben geworfen hat. Im vergangenen Jahrzehnt hat dieses Berufsleben mit Herausforderungen aufgewartet, die vielleicht noch einem Schimpansen Leistung abverlangen würden, mir jedenfalls nicht mehr!

Wenn eine junge Sozialarbeiterin heute ihren Bachelor gemacht hat, geht sie ein paar Jahre in die „Praxis“. Das ist häufig tatsächlich kernige Arbeit mit Jugendlichen, an einer Schule oder sogar mit wirklich Bedürftigen. Wer seinen Master macht, meist direkt im Anschluss an den Bachelor, geht einen solchen Weg in der Regel nicht. Schon während der Masterarbeit zu politisch korrekten Themen wie „Umgang mit diskriminierenden Tendenzen bei Trägern der freien Wohlfahrtpflege in Niedersachsen“ wird auf Stellen geschielt, bei denen die zukünftige Helferin am Schreibtisch sitzt und andere Fachkräfte mit Mails zuballert. „Koordinatorin“ heißt sowas dann, oder „Beauftragte“.

Aber auch die Bachelorette bleibt oft nur zwei bis drei, schlimmstenfalls fünf Jahre in der Praxis. Mit Mitte 20 beginnt für die meisten Sozialarbeiterinnen der Druck hinsichtlich Lebensplanerfüllung zu steigen. In der Folge bewirbt man sich auf einen Posten, der familientauglicher ist. In der Regel heißt das: Jugendamt. Und das wiederum heißt meistens: Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). Das sind die praktizierenden Kinderschützer, einige der wenigen im Jugendamt, die ab und zu ihren Schreibtisch verlassen müssen. Entsprechend unbeliebt sind die Stellen, entsprechend groß ist die Fluktuation, entsprechend viele Einsteigerinnen tummeln sich hier. Wer beim ASD ist, ist meist weiblich, unter 35 und sucht nach einer anderen Stelle im Amt. Wenn das nicht zeitnah gelingt, wird man gern direkt nach Ablauf der Probezeit beim ASD zum ersten Mal schwanger, was praktisch heißt: Die Kollegin, sofern sie vorher fachlich überhaupt schon zu gebrauchen war, fällt mindestens für die nächsten fünf Jahre aus! Denn nach dem ersten Kind folgt bald das zweite und gern auch noch ein drittes. Jeder weiß, dass Frauen mit kleinen Kindern deutlich weniger Zeit auf Arbeit verbringen, als andere. Setzt man sogar kognitive Anwesenheit voraus, also tatsächlich gegebene Arbeitsfähigkeit, dann würde ich sagen: Ab der ersten Schwangerschaft durchschnittlich zehn Jahre braucht man auf die Kollegin nicht zu zählen, denn die leistet nun in erster Linie Reproduktions- und Care-Arbeit.

Die Freude über Bewerbungen männlicher Sozialarbeiter im Jugendamt ist also riesig und wenn die dann auch noch „gut sind“, fühlt man sich regelrecht beschenkt. Man weiß um die männliche Zuverlässigkeit und nutzt diese mit Vorliebe auf Stellen, wo die weibliche Abwesenheit „nebenher“ kompensiert werden kann. „Gut sein“ in diesem Zusammenhang ist das Einfachste der Welt, denn Amtsleiterinnen sind oft weiblich, um die 50 und älter, seit ihrer Kindheit im Amt tätig und von dem Umstand geprägt, dass 90% der Mitarbeiter ebenfalls weiblich sind. Also freut sich die alte Schachtel über die optische und fachliche Abwechslung und ist leicht zu beeindrucken.

Zusammengefasst: Kaum eine Frau, die hier arbeitet, ist wirklich mit dem Kopf da. Wer im Amt arbeitet, hat Wichtigeres im Kopf als die Arbeit. Das macht es leichter, den Anweisungen von oben bedingungslos zu folgen. Der Lohn dafür ist eine nahezu ebenso bedingungslose Sicherheit. Damit ist auch gut erklärt, weshalb unsere ineffizienten Ämter das deutsche Familienrecht so effizient umsetzen: Die Schafe hinterfragen nichts! Zu viel Denken gefährdet das gemütliche Einrichten in seiner privat-beruflichen Blubberblase. Und nach ein paar Jahren im Amt verliert man sowieso jeglichen Realitätssinn.
Aber auch jenseits der Jugendämter hat die Sozialarbeit mittlerweile gigantische Alimentierungsapparate für Frauen, die ihrer ansozialisierten Lebensplanung folgen müssen, gebaut. Ein gutes Beispiel ist das Bundeskinderschutzgesetz von 2012: Infolge dieses Erlasses wurden in Deutschland Tausende neue Koordinatoren-Stellen geschaffen, es entstanden neue Berufsbilder wie die Familienhebamme, und es wird ohne Ende genetzwerkt, geschult und geredet. Natürlich hat das Gesetz einen ernsten Hintergrund: Viele kindliche Todesfälle der 90er und 2000er wurden durch dilettantische Absprachen zwischen Jugendämtern und anderen Partnern (mit-)verursacht. Die massenmediale Hysterisierung, unterstützt durch die Moralisierungsleistungen der aufkommenden Sozialen Netzwerke, führte aber, wie inzwischen sowieso üblich, auch vor zehn Jahren schon dazu, dass das Gesetz handwerklich grottenschlecht gemacht wurde, übrigens wie auch das ebenso desaströse Bildungs- und Teilhabepaket, ein familienministerielles Vermächtnis der heutigen EU-Vorzeigequoten-Uschi.

Mittlerweile haben sich die Leistungen aus dem Gesetz und auch die Koordinatorinnen etabliert. Wie bei allen typischen Alimentierungs-Jobs ist es eigentlich nicht tragisch, wenn die Stelle mal länger nicht besetzt ist, man kann also gut schwanger oder krank werden. Wenn die Koordinatorinnen zur Arbeit kommen, sitzen sie viel an PC oder Telefon, planen Arbeitskreise und zwei- bis dreimal im Jahr auch eine Schulung zu Themen wie „Schutzkonzepte für Einrichtungen“, übersetzt: Jeder ist ein potenzieller Kindeswohlgefährder, auch und insbesondere die Mitarbeiter von Sozialvereinen. Der Job ist fachlich weitgehend anspruchslos, allzu viel Fachlichkeit wird eher – klassisch für feminin bestimmte Kulturen – mit Argwohn und Neid und letztlich Intrige bedacht. Wenn man mal ein paar Tage nur rumsitzt, am Smartphone spielt und vielleicht nur zwei oder drei Mails beantwortet, fällt das auch nicht auf. Etwas Methoden- und Gesetzeskenntnis reicht eigentlich schon, um herauszuragen. Der Rest sind weibliche Kernkompetenzen, vor allem: Das Bedürfnis nach und das Ertragen können von unendlich redundantem Geschnatter. Natürlich gibt es unter den Koordinatorinnen Kolleginnen, die den ganzen Tag gehetzt umherrennen, gestresst sind und nicht wissen, was sie zuerst machen sollen. Aber dies hat, und da bin ich ganz sicher nichts, absolut nichts mit dem fachlichen Anspruch der Arbeit, sondern lediglich mit der individuellen Leistungsfähigkeit zu tun.

Ich kann das beurteilen, denn vor zwei Jahren, nach über 20 Jahren praktischer Sozialarbeit mit Obdachlosen, drogenabhängigen Jugendlichen, Schuldnern, psychisch Kranken in Wohngruppen und Suizid-gefährdeten, hatte ich die Schnauze voll davon, dass die Kolleginnen in diesen offensichtlich und nahezu ausschließlich alimentierten Jobs das gleiche Geld verdienen! Insgesamt war ich in den 20 Jahren deutlich weniger als 200 Tage krank, habe viel Vollzeit (und mehr) gearbeitet und immer wieder Kolleginnen vertreten, die den sozialen Nutzen des Aufziehens ihres Nachwuchses doch tatsächlich mit meiner Arbeitsleistung an der Klientel gleichgesetzt haben! Letztlich habe ich mich also gezielt auf eine solche Stelle, die Stelle eines Koordinators im Jugendamt, beworben. Von den über 40 Koordinatoren im gesamten Bundesland bin ich erst der Zweite, der männlich ist. Natürlich hat man mich sofort eingestellt. Offensichtlich war ich besser qualifiziert als die 21 anderen Bewerber“Innen“, die vermutlich wahre Kompetenzbestien und Arbeitstiere waren und von denen sogar fünf aus dem hiesigen Jugendamt kamen. Vielleicht ist das die größte Ironie in diesem ganzen feministischen Desaster: Selbst in durch und durch zur Alimentierung von Frauen geschaffenen Jobs werden, wenn irgend möglich, ganz offensichtlich Männer bevorzugt eingestellt! Daran kann man sehen, dass sich die gläserne Decke des Patriarchats wirklich bis in den entlegensten Winkel der Gesellschaft zieht.

Wie auch immer: Ich arbeite seither nur noch 30 Stunden und drehe die meiste Zeit Däumchen. Demnächst werde ich dann noch mal erheblich Stunden reduzieren und meine Lohnsteuer auf unter 2.000 Euro pro Jahr schrauben. Wenn ich bedenke, mit was für Menschen ich mich früher beruflich herumschlagen musste, um teilweise weniger Geld zu verdienen als heute. Aber natürlich wird man als Sozialarbeiter nicht reich.

Vor über 10 Jahren habe ich meine erste Liebhaberimmobilie in Alleinlage in Norddeutschland erworben, diese in der Freizeit saniert, bewohnt und wieder verkauft. Dieses Procedere habe ich vor fünf Jahren wiederholt und werde es voraussichtlich im nächsten Jahr noch einmal durchziehen. Danach, denke ich, ist Deutschland für mich ausgelutscht. Dieses Land ist mir zu voll, zu laut und ich will den Weg, den es einschlägt, nicht mitgehen. Harte Arbeit und Wohlstand lassen sich kaum noch in einer Person oder Familie vereinen. Dieses Land gönnt sich zu viele teure Spinnereien und zu viel Elite.

Es wird beim Verkauf wohl nicht genug Geld herausspringen, um sich dauerhaft zur Ruhe zur setzen. Aber es wird genügen, um eine Alleinlage im schwedischen oder polnischen, vielleicht auch norwegischen oder finnischen Wald zu kaufen, meine AMIGA einzupacken und dort mit ein wenig episodischer Erwerbsarbeit und in Bescheidenheit die zweite Lebenshälfte zu verbringen. Viel brauchen wir nicht. Außerhalb Deutschlands sind Natur, Tierhaltung und etwas Selbstversorgung, sofern die Immobilie da ist, keine allzu teuren Hobbys.

Ich habe lange hart gearbeitet, fleißig eingezahlt (z.B. dreimal Grunderwerbssteuer) und jede Menge Schwachsinn mitgetragen. Ich habe viele Jahre lang Kolleginnen „mitgeschleift“, die fachlich und persönlich nicht mal ansatzweise mithalten konnten und schlichtweg nie arbeitsfähig wurden. Ich habe meinen Dienst an dieser Gemeinschaft, die mich nun in vielerlei Hinsicht bekämpft, geleistet. Viele Menschen, die ihr Leben in „asozialen“ Verhältnissen verbracht haben, sind heute brave Nettozahler – durch meine Mitwirkung. Ob diese Arbeit gut, wichtig oder in einem übergeordneten Sinn richtig war? – Daran habe ich heute meine Zweifel. Wie auch immer: Viel Glück mit eurem bunten Rund-um-die-Uhr-Straßenfest unter dem Zauberwindrad – Ich bin (bald) raus!

Dieser Beitrag kommt aus dem Off, von einem toxischen weißen Mann (das sagt zumindest meine AMIGA), der seit Jahren „still“ mitliest. Danke an alle, die regelmäßig aktiv mitwirken! Es gibt vermutlich viele Tausend wie mich, die diese Bastion hier und die Hinweise, auch in den Kommentaren, sehr schätzen und sich darüber hinaus von euch gut unterhalten fühlen. Im Namen all derer: Bleibt uns erhalten, wenn es irgend geht! Euer N.N.

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