• 01.03.2024

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Ein perfekt dysfunktionales Paar

harmonie

» Artikel vom

Gastautor: Joe Lück

Vor kurzem hatte ich im Artikel „Einfach nur Sex?“ beschrieben, wie mein Beziehungsalltag aussieht. Danke nochmals für die vielen positiven Rückmeldungen in den Kommentaren – irgendwer brachte auch die Anmerkung, ob meine „bessere Hälfte“ und/oder ich vielleicht einen Knacks haben. Das habe ich als Anregung genommen, meine Situation genauer zu analysieren. Meine laienpsychologischen Erkenntnisse wollte ich euch nicht vorenthalten – vielleicht erkennt der ein oder andere gewisse Verhaltensmuster und kann somit bei sich selbst oder bei einem Freund Veränderungen anstoßen – denn, hat man erstmal ein Muster erkannt, kann man aktiv gegensteuern.

Dass ich ein typischer „Nice Guy“ bin, war mir eigentlich schon lange klar. Vor Jahren habe ich bereits das bekannte Buch „No more Mr. Nice Guy“ gelesen, wie auch weitere Literatur, die einem helfen soll aus der lahmen Nummer herauszukommen und ein „richtiger Mann“ zu werden. Aber wie es halt so ist, vom Lesen allein passiert gar nichts und die Überwindung sich Beratung oder eine spezielle Männergruppe zu suchen ist immens. Lokale männliche Freunde könnten zwar prinzipiell auch helfen, allerdings sind die meisten im Bekanntenkreis doch auch Weicheier und stehen unter der Knute ihrer Alten – freie Männer werden ja meistens nur bemitleidet und früher oder später von den Ehedrachen subtil aus dem Freundeskreis exkludiert. Außerdem müsste man für Veränderung aus seinem faulen Alltagstrott ausbrechen und die Komfortzone verlassen, das ist für die meisten nicht einfach. Aber zumindest der Samen des Wissens war gesät.

Jedenfalls hatte mich eine innere Unzufriedenheit mit mir selbst neulich dazu angeregt „No more Mr. Nice Guy“ noch einmal zu lesen. Denn ein bekanntes Problem des Nice Guy ist ja, dass er meint, wenn er ihr nur alles recht macht, wird er schon belohnt und angenommen (und darf endlich mal wieder ran ...). Hintergrund dafür sind falsch erlernte Verhaltensweisen aus der Kindheit, die einen fürs Leben prägen. Ein Rückblick zeigte mir, dass vielleicht doch nicht alles so perfekt war: Der Vater hatte selbst eine schwere Kindheit, war dann früh ein funktionaler Alkoholiker, wurde gelegentlich laut und ausfällig gegenüber der Mutter. Er war zwar nie gewalttätig, dennoch war das für uns Kinder sehr einschüchternd und man hat sich automatisch auf die Seite der verängstigten Mutter geschlagen und versprochen nie so zu werden wie er. Und wer im Haushalt hilft und immer brav gehorcht, ist meist Mamas Liebling. So lernt man schon früh, es den Frauen immer recht zu machen, um angenommen zu werden.

Die treibende Kraft hinter dem Verhalten des Nice Guy ist die sogenannte „toxische Scham“, die man als Kind verinnerlicht hat. Dabei handelt es sich um die Überzeugung, dass man zutiefst schlecht, fehlerhaft und nicht liebenswert ist, wenn man nicht das tut, was andere von einem erwarten. Doch man kann lernen, diese Scham abzulegen und sich zu akzeptieren, wie man ist. Das Selbstwertgefühl, die Zufriedenheit und insbesondere die Beziehung sollen sich dadurch deutlich verbessern. Also fasste ich den Entschluss, an mir zu arbeiten, den Nice Guy abzulegen und mir endlich Eier wachsen lassen. Wäre das nur nicht so unendlich schwer, aus dem Alltagstrott auszubrechen …

Glücklicherweise hat die Alte mal wieder Stress gemacht wegen einer Lappalie. „Glücklicherweise“ deshalb, weil es den Leidensdruck erhöht endlich mal aktiv zu werden. Denn ausgerechnet daheim klappt es mit dem Vorsatz für sich einzustehen und endlich mal Kontra zu geben am wenigsten. Man hat sich so schön eingegroovt, mit dem Versuch es ihr immer recht zu machen. Irgendwie übernimmt man immer mehr Arbeiten, weil sie es ja so schwer hat. Komischerweise ist sie zwar sehr gestresst, hat aber trotzdem Zeit drei Folgen einer Serie pro Tag zu schauen und mit einer Freundin Kaffee zu trinken … nur ich mache mal wieder zu wenig, denke nicht mit oder habe etwas falsch gemacht, wofür sie mich dann anraunzt und anschließend mit Schweigen straft. Eiskaltes, toxisches Schweigen, das sogenannte „Silent Treatment“. Nach Tagen kommt dann das „klärende Gespräch“, wo man zu hören bekommt, wie schlecht man sei, dass man mehr für die Beziehung tun müsse und an sich arbeiten solle. Also entschuldigt man sich und verspricht, sich zu bessern. Dann wird alles wieder gut, denn wir haben ja so eine tolle Beziehung auf Augenhöhe und sind ein Herz und eine Seele – so scheint das ja normal zu sein in Beziehungen, oder?

Aber die Saat des Wissens um den Nice Guy scheint endlich zu keimen – Ich soll ich mich wirklich für jeden Scheiß entschuldigen, den sie mir vorwirft? Hat sie sich jemals für irgendwas entschuldigt? Kann sie mich nicht einfach akzeptieren, wie ich bin, auch wenn ich mal Fehler mache? Oder dass ich nicht immer so sein muss, wie sie das gerne hätte? Und dieses kindische Schweigen als Reaktion, das kann doch nicht normal oder gesund sein? Ich weiß, dass ich an mir arbeiten muss, um endlich den Nice Guy abzulegen. Aber hat sie möglicherweise auch ein Problem? Google spuckt dazu meist die gleichen Dinge aus: Toxische Beziehung, Narzissmus, Gaslighting, all das hört und liest man ständig, die Begriffe sind mir bekannt – aber sie ist doch keine Psychopathin. Oder?

Intensive Recherche in diversen Foren brachte mich über das Silent Treatment schließlich zu folgendem Schlagwort: verdeckter Narzissmus. Das klingt zunächst mal hart und man darf solche „Fern-Diagnosen“ keineswegs schwarz-weiß sehen. Jeder kann gewisse psychopathologische Merkmale aufweisen und ein gesundes Selbstbewusstsein beinhaltet auch immer eine Prise Narzissmus. Doch wenn man die typischen Muster betrachtet, erkenne ich bei uns fast so viele rote Flaggen wie bei einer chinesischen Militärparade:

– Gibt sich nach außen hin freundlich und fürsorglich, ist sehr beliebt. Zeigt nur zu Hause ihr wahres Gesicht – Check
– Subtile Abwertung des Partners/der Kinder durch bissige Kommentare – Check
– Hält sich für überlegen, lässt aber lieber andere die Arbeit machen – Check
– Null Kritikfähigkeit, reagiert aggressiv und/oder mit Schuldumkehr – Check
– Schuldzuweisungen an Partner und Kinder, andere können es nie recht machen – Check
– Gibt keine Fehler zu, denn sie ist perfekt – Check
– Hat immer recht, entschuldigt sich nie (höchstens aus taktischen Gründen) – Check
– Stimmungsschwankungen, badet in Selbstmitleid – Check
– Passiv-aggressives Verhalten (z. B. Silent Treatment) – Check
– Berechnend und stets auf den eigenen Vorteil bedacht, setzt Emotionen berechnend ein (Kalte Empathie) – Check

Folgende Sätze aus einem Buch zu dem Thema (s. u.) würden auch erklären, warum so wenig im Bett geht:
– Die narzisstisch bedingte seelische Unreife führt dazu, nicht mit dem Sexualtrieb in Kontakt zu sein. Darum findet wenig oder kein Sex statt.
– Das Opfer wird entwertet, wenn es Sex initiiert oder weil es zu wenig Sex initiiert (Typisches Nicht-Recht machen können).
– Das Opfer wird ignoriert, es sei denn der narzisstische Part hat Lust auf Sex.
– Die Choreografie ist immer gleich, wie mit einem Roboter.

Die Ursache für Narzissmus ist im Endeffekt die gleiche wie für den Nice Guy: Toxische Scham, entstanden im Kindesalter. Sie wird im Erwachsenenalter nur anders versteckt, und zwar mit einem übergroßen Ego, das jeglichen Makel bei sich selbst ausblendet und andere abwerten muss, um sich selbst zu erhöhen. Würde passen, denn auch meine Frau hatte keine besonders glorreiche Kindheit. Der Vater war eine schwierige Persönlichkeit, Mutter herrisch, Schein war immer wichtiger als Sein. Sie sagt selbst, dass in ihrem Elternhaus keine Liebe herrschte.

Also anscheinend haben wir beide wirklich einen Knacks. Uns vereint unsere toxische Scham, die wir in der Kindheit verinnerlicht haben. Nur gehen wir als „Erwachsene“ (oder doch eher alte Kinder?) unterschiedlich damit um. Die eine glaubt perfekt zu sein, der andere glaubt nicht gut genug zu sein und will es dem anderen immer recht machen, gibt sich dadurch aber immer mehr selbst auf. Anzeichen, dass bei uns was nicht stimmt, gab es tatsächlich schon viele und auch schon früh in der Beziehung – man hätte sie nur erkennen müssen. Das eigene Bauchgefühl scheint ein guter Indikator zu sein, denn ich fühle mich immer irgendwie befreit, wenn sie nicht zu Hause ist und angespannt, wenn sie wieder kommt.

Und hier der letzte Puzzlestein: Oft finden sich Narzissten und sogenannte Co-Narzissten und ergänzen sich hervorragend – im negativen Sinn, denn es ist keine wirkliche Liebesbeziehung. Die Beschreibung des Co-Narzissten passt ziemlich gut zu dem, was einen Nice Guy ausmacht, der dahinterliegende Mechanismus ist der Gleiche. Tatsächlich ist der Nice Guy der perfekte Co-Narzisst.
Der hier bringt es auf den Punkt (Link s. u.): „In der typischen narzisstischen Kollusion (Narzisst + Co-Narzisst) nehmen die Väter der Kinder einer narzisstischen Mutter meist eine untergeordnete Position ein. Es sind in der Regel schwache Väter, die von der Mutter ebenfalls abgewertet werden und nicht viel zu melden haben.“ Autsch – Selbsterkenntnis tut weh. Allerdings ist das auch ein gutes Zeichen, denn wer sich selbst reflektieren kann, kann sich ändern. Narzissten nicht, da sie zur Selbstreflexion nicht fähig sind.

Schlussendlich wird sich zeigen, ob meine laienpsychologischen Betrachtungen stimmen, wenn ich es schaffe, das Nice Guy Verhalten zu kurieren. Ein erster Beratungstermin ist bereits gebucht. Und dann heißt es aufgepasst! Die psychologischen Muster sind jetzt bekannt, die Sinne dafür geschärft. Wie ändert sich ihr Verhalten? Wird sie die Veränderung akzeptieren oder gibt es deutlich mehr Stress in der Beziehung? Denn dann überwiegen wahrscheinlich die narzisstischen Merkmale und ihr ginge der Nachschub an abgesaugten, negativen Emotionen und ihre Kontrolle über mich verloren, von der sie ihr Ego ernährt. Ist sie tatsächlich der gefühllose Vampir, der mir die Lebensenergie absaugt?

An ihren Taten werdet ihr sie erkennen! Und das hieße dann in letzter Konsequenz: Exit. Aber fein säuberlich vorbereitet, denn das würde definitiv hässlich.

Weiterführende Infos für Betroffene:
Buch: „Verdeckter Narzissmus in Beziehungen“ von Turid Müller
Webseite mit ausführlichen Texten: https://andreas-gauger.de



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