• 03.07.2022

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99 Luftballons

80er

» Artikel vom

Gastautor: Herr H

Die 80er Jahre werden hier gelegentlich als „die goldenen Jahre“ Deutschlands (West?) verklärt. Aber warum eigentlich? Lassma nachdenken, ich war nämlich dabei. Zunächst einmal: die 40er, 50er und 60er Jahre waren schlechter. Krieg, Vertreibung, Armut. Ja, zumindest meine Familie war in den 60ern noch arm. Brotsuppe und abgetragene Kleider aus der Verwandtschaft. Erstes Auto 1969, erster Urlaub 1970, erster Farbfernseher 1972 (Olympiade München). Ab dann war Wohlstand.

Die 70er waren schonmal ganz gut. Überall diese Hippies aus Kalifornien (amerikanische Garnisonen), die steckten die Dorf- und Stadtjugend an und brachten ihr MariaJohanna mit. Krautrock kam auf, Hippiekommunen zogen auf’s Land und versuchten Schafe zu züchten. Doch dann holten die Amis sich in Vietnam eine ziemlich üble Niederlage. GIs, go home, und weg waren die Hippiekalifornier.

Das Ende der 70er wurde – aus Jugendsicht – mit einem Paukenschlag eingeleitet: „Let your hair cut!“ (Easy Rider). No Hippies in the 80ies. Die Punkwelle machte sich über die gammeligen milde-Drogen-Abhängigen lustig und schmiss mit Bierdosen nach ihnen. Pünktlich 1980 erschien „Monarchie und Alltag“ von den Fehlfarben, und es war vorbei mit Joan Baez, Bob Dylan und wie-hiess-der-alte-grollende-Mann ach ja Niel Jang. Und die 80er hatten begonnen. Wir tanzten bis zum Ende zum Herzschlag der besten Musik. Jeden Tag und jeden Abend, wir dachten schon das ist der Sieg! Das war vor Jahren ...

Warum die 1980er im MM so gelobt werden? Ich denke mal, das war die Zeit in der die meisten von uns jung waren. Wir waren nämlich VIELE. Es gab, da die Pille erst 1965 oder so verkäuflich war, unvorstellbar viele junge Frauen und Männer (und nicht einen einzigen Hastumalnalla – ich kann mich an keinen erinnern, die Türken waren damals sehr weltlich eingestellt). Überall junge Menschen, in den Städten, in den Dörfern, auf dem Land. Nach uns kamen nur noch sehr wenige ... schade eigentlich, aber das ist ein anderes Thema, siehe „Der Hauptgewinn“.
Die Sozialdemokraten hatten in den 1970ern viele neue Unis gebaut und verschenkten BaföG an jeden, der freiwillig studieren wollte. Es gab noch keine Regelstudienzeit (na ja, fast keine), und die Universitäten zogen die Jugend wie magisch an. Ich war dabei.
Die meiste Zeit der 1980er Jahre verbrachte ich in einer reinen Männerkommune. Wir hatten wenig Geld, aber einen guten (dicken) Koch und einen auf Drogenfunde spezialisierten Hund, der gerne in der Natur herumlief. Wir hatten also alles, was mann braucht, und unsere Tür stand immer offen (wir hatten ja nüx was jemand klauen konnte, das Columbian Gold war gut versteckt). Gute Adresse am Ort, mit vielen Frauen im Orbit. Unser Koch hatte sogar einen, wie er es nannte, „Harem“ – eine befreundete Frauen-WG, und irgendeine hatte immer Lust. Ab und an fand Mann eine junge Frau in seinem Bett, und das war schon ok. Viele kluge Menschen aus fernen Ländern kamen zu Besuch (der Koch studierte Völkerkunde), mann spielte RISIKO. Als Bassist einer Rockband kam ich zu lokalem Ruhm und zu dauerhaftem Hörschaden.
Eines Tages holte mich unser Gitarrist zu einem schönen Ausflug an einen Wald see ab und teilte mir mit, daß er demnächst und nicht unerwartet versterben würde: AIDS. Und das war dann auch das Ende „der Band“ und das Ende meiner persönlichen 80er Jahre.

Was gab es noch in den 80ern? Es gab den Smog. Ich heizte damals in der Innenstadt mit einem Holz- und Kohleeinzelofen. Und aus Kostengründen nahm ich die billige tschechische Braunkohle. Wie alle. Im Winter war die Luft bräunlich, und die Kinder starben über Nacht am Husten. Oben auf den Höhen starben auch einige Bäume, hab ich selbst gesehen (insbesondere im Erzgebirge, viele hundert km).
Was auch in den 80ern aufkam war der „toxische Feminismus“. Die nächste Generation wurde von unseren Frauen weitgehend abgetrieben, und durchaus hübsche Mädchen liefen in grässlichen lila Latzhosen rum. Ja, genau, die sind jetzt 50 bis über 60 Jahre alt, so wie die FDF. Natürlich hatte die Pille auch ihre Vorteile, und die Mädels waren, wenn ich so zurückdenke, ziemlich willig, manche sogar aufdringlich. Geschlechtskrankheiten waren (meinten wir) ausgerottet. Ich erinnere mich da an eine kleine kesse Kommunistin aus Niederbayern. Seufz. Aber genug der Frauen im Männermagazin.

Auch „Die Grünen“ wurden auch in den 80ern geboren. Es fing ganz harmlos an. Wirklich ökobewegte Heimatschützer wie Herbert Gruhl („Ein Planet wird geplündert“) und verschiedene Ökokommunen taten sich zusammen mit der Friedensbewegung (also: DKP, KPD, KPD/ML, KBW und Jusos). Mitte der 1980er war der große Kohlearbeiterstreik in Großbritannien. Die eiserne Lady, Margarete Thatcher, verleumdete die Kohle als Klimaverpester wegen dem bösen COzwei. Ein Buch des Club of Rome beschrieb mit Hilfe einfacher exponentieller Gleichungen die „Grenzen des Wachstums“. In Mathe wären die alle durchgefallen, weil Wachstumsprozesse der logistischen Kurve folgen, was jeder Bauer weiss („Weizen wächst nicht in den Himmel“), aber die Gymnasiasten nahmen den Schwachfug begierig auf ohne nachzurechnen. Auch das begann also damals: die Abhängigkeit von Sonne, Wind und Putin, und die große Fehlinvestition in nachhaltigen Niedergang, sozusagen das Ende des Fortschritts.
1983 war die ganz große Friedensdemonstration gegen die Stationierung amerikanischer Raketen, damals in Bonn. Hoppla, ja, genau, die Grünen waren damals tatsächlich GEGEN die NATO. Wir hörten Nena, 99 Luftballons:

99 Jahre Krieg
ließen keinen Platz für Sieger
Kriegsminister gibt’s nicht mehr
und auch keine Düsenflieger

O weia, es war kalter Krieg! Auf jeden von uns war eine Kilotonne Atombombe gerichtet, amerikanische und britische Truppen waren überall stationiert, die Bundeswehr hatte 400000 Soldaten, und die armen jungen Männer - nur die! wie ungerecht! – wurden zwei Jahre kaserniert und getriezt. Keine Freiwilligenarmee wie heute, und Kriegsdienstverweigerung war mit Hürden gespickt und gesellschaftlich geächtet. „Haben sie gedient?“ - wenn nicht kein Job kein Geld. Auf Ausmusterung spezialisierte Ärzte wurden – wie auch Abtreibungsärzte – als Geheimtipps gehandelt. So schön waren die 80er. Positiv ist zu vermerken, daß damalige Innenminister den Kampf gegen Linksradikale führten.
Die Grenzen nach Osten waren zu, es war sogar lebensgefährlich, mal einen Spaziergang nach Thüringen oder Böhmen zu machen. In den 70ern fuhren die örtlichen Hippies über Afghanistan und Nepal nach Indien, aber damit hatte Ajatolla Khomenei passend zum Beginn der 1980er Schluß gemacht. Blieb uns nur der Westen. Es gab „Interrail“, ganz Europa für 400 DM. Und die DM, die war damals was wert! Wo immer ich/wir hinkamen, es war viel billiger als in Deutschland: Italien, Griechenland, Spanien, Portugal, Afrika, überall war es spottbillig für D-Mark-Besitzer.
Selbst bin ich durch Europa und bis Afrika getrampt. Das ist eine Art der Fortbewegung, bei der der vorhandene Verkehr nachhaltig zur eigenen Fortbewegung genutzt wird. Wäre trampen heute noch sicher? Wahrscheinlich genauso sicher wie damals, denn es gibt immer und überall gute und schlechte Menschen, das war zu allen Zeiten so. Daran kann’s nicht liegen, daß unsere lieben Spitzengrünen und die FFF-Jugend nicht im Traum daran denken zu trampen. Neeee, die nehmen den Flieger für ihre Ökoreisen. Damals war eben alles besser :-)
So verlebte ich die 80er Jahre in Freiheit und Armut, bis – o ach o weh – meine Raketenkarriere begann. Ende der 1980 öffnete sich der eiserne Vorhang, und die 1990iger begannen. Die waren viel besser, endlich war der kalte Krieg vorbei und die ganze Welt stand uns offen, ich hatte Geld ohne Ende und die Frauen flogen mir zu. Der Techno kam und wir tanzten bis zum Ende des Herzschlags unter Ecstacy. Ich weiss gar nicht, was die Leute an den 1980ern so toll fanden :-)
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