• 04.12.2022

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Bio, Bio

honig

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"Bio" sieht aus wie eine ungebrochene Erfolgsgeschichte, deren Ende nicht absehbar ist. Vor über 150 Jahren begann es bei Lebensmitteln mit der Idee der "Reformkost" und entwickelte sich danach stetig weiter. Die ersten Vereine und Anbauverbände kamen, Reformhäuser verbreiteten sich, dann schmutzige Hofläden, dann waren Bioläden und Luxus dran, schliesslich wanderte Bio in alle Supermärkte hinein. Und dort zündeten immer weitere Stufen, zur Zeit ist als neues Extra der Zusatz "vegan" besonders en vogue und sogar allerlei hochverarbeitete Kunstprodukte werden als Bio deklariert, die man früher glattweg als Lebensmittelfälschung bezeichnet hat. Bio, vegan, Fairtrade, glutenfrei, nachhaltig, gesund, zertifiziert, Verantwortung, die Schlagworte werden wie Munition mit einem Maschinengewehr abgeschossen, um den Kunden sturmreif zu ballern. Das alles kostet natürlich viel Geld, welches man dem Kunden inclusive sattem Gewinn plus Steuern aus der Tasche zu ziehen gedenkt, darum dreht sich letztlich vieles, wenn nicht gar alles. Auch die Bio-Produktgruppen werden ständig ausgeweitet. Es gibt bereits vegane Biokondome, Bio-Softairkugeln, Bio-Raketentreibstoff und vermutlich bald Biopanzer bei der Bundeswehr. Biowaffen haben wir ja auch schon länger, bekämpft oder gebaut von BIOntech, immerhin Namensbio. Das grösste und wirkungsvollste Bio wäre schliesslich, wenn die Menschheit ausgerottet wird, dann könnte der Planet wieder ungestört um die Sonne rumkugeln, allerdings wäre er dann nicht biozertifiziert, ob das dann noch Bio ist?

Auch in der Imkerei gibt es Bio. Mal mehr, mal weniger, wie immer. Bio nach EU-Definition gemäss Verordnung (EG) Nr. 834/2007 ist etwas schmalbrüstig, sozusagen nur ein Hauch von Bio. Strenger geregelt mit mehr Einschränkungen ist Bio gemäss Regeln der Anbauverbände wie Naturland oder Bioland, da dreht Bio stärker auf, gerne verkauft als "echt bio". Schliesslich geht es weiter mit Demeter, die sind schon fast Psycho-Bio und einige der Imker wirken auch wie Sektenmitglieder, leider, denn es sind durchaus auch gute Ansätze enthalten. Man könnte es Ganz und Gar - Bio nennen, kurz "Gaga-Bio". Zahlenmässig sind die meisten Bio-zertifizierten Imker in Deutschland bei Bioland, in Bayern Naturland.

Was hat es damit nun auf sich? Bringt das was für Bienen, Imker, Händler, Staat, Kunde, Umwelt, Klima? Ist der höhere Preis gerechtfertigt? Dafür muss der höhere Preis erst erklärt werden. Und dafür muss der Preis für konventionell erlangten Honig erklärt werden. Das Glas Imkerhonig, Mischhonig mit 500g Inhalt an der Haustür liegt in Deutschland bei rund 5 Euro, natürlich regional schwankend (zwischen 3 und 8 EUR) und höher in festen Verkaufsstellen. Ob das die Erzeugerkosten deckt, wie hoch die sind, ist natürlich auch eine Frage der Betriebsgrösse, aber stärker noch eine Frage der Honigerträge. Deutschland ist sehr stark vernutzt, dicht bebaut mit Beton, Asphalt und intensiven Nutzpflanzenkulturen, es gibt nur sehr wenige Gunstlagen für gute Honigernten, beispielsweise einige Abschnitte am westlichen Schwarzwaldrand, wo sich dann allerdings auch sofort mehr Imker drängeln. Die höchste Bienenvölkerdichte hat der Ortenaukreis. Im Landesdurchschnitt erntet man mit Bienenvölkern an einem festen Bienenstand 20-25kg Honig pro Volk, Jahre mit 15kg oder weniger plus schlechtere Qualität sind ebenso normal wie Jahre mit über 40kg. Eingerechnet ist, dass manche Völker gar nichts bringen und manche noch mehr. Diese Werte sind in vielen Gegenden Europas wesentlich höher, vor allem denen mit mehr naturnahen Räumen und Gunstlagen. Die italienischen Kollegen schaffen sogar mit festen Bienenständen in vielen Gegenden 90kg, etwa am Alpenrand und dem 1500 km langen Gebirgszug, der das Land von Norden bis ganz in den Süden mittig durchzieht.

Will man in Deutschland mehr, muss man mit den Bienen "wandern", die Magazine gut sichern, aufladen und sie nachts auf einem Anhänger oder LKW immer wieder an Orte bringen, an denen gerade etwas zu holen ist. Das bedeutet viel Aufwand, aber mehr Erträge. Gut organisierte deutsche Wanderimker mit guten Wanderplätzen holen ebenfalls 90kg aus den Völkern. Ein Vorteil ist auch, dass man damit öfter an Sortenhonig kommt, für den der Kunde bereit ist, mehr zu bezahlen. Mein eigener absoluter Rekord liegt bei je 140kg Jahresernte in den Völkern, was dem Zufall eines günstigen Jahres kombiniert mit guten Wanderplätzen geschuldet war und die grosse Ausnahme blieb. Das ist mal eben das fünffache eines guten Durchschnittsertrages, damit sieht die Gesamtrechnung völlig anders aus. Trotzdem: Kleine Imker zahlen beim Honig- und Bienenprodukteverkauf meistens drauf. Was nicht tragisch ist, es ist eben ein Hobby, Hobbys bringen selten Gewinn, man vermindert mit Einnahmen vielmehr die Verluste. Realistisch rechnende und effizient arbeitende Imker, denen es auch im die Einnahmen geht sind bei 5 EUR gerade so an der Selbstausbeutungsschwelle, aber auch nur wenn sie alles ohne Zwischenhändler selbst direkt vermarkten und ihre Völker im Griff haben, ansonsten Minus.

Der Bio-Aufkleber macht pro Glas einen Preisaufschlag von meistens 1,50 EUR aus, also ab 6,50 statt ab 5 EUR an der Haustür. Was gibts dafür? Inhaltlich für den Kunden nichts anderes, der Honig ist qualitativ definitiv nicht besser. Und bezüglich Pflanzenschutzmittelrückständen bietet Biohonig auch keine Garantien, nur den gut gemeinten Ratschlag an den Bioimker, der intensiven Landwirtschaft fernzubleiben oder dem Wunsch, sie nicht anzuwandern. Ein witzloses Unterfangen in einem so engen Land wie Deutschland, denn die Bienen befliegen einen Umkreis von 5km und mehr. Abseits von Pflanzenschutzmitteln ist man da nur in ein paar tiefen Wäldern. Aber schon eine Rodungsinsel mit Landwirtschaft zerstört den Traum vom pestizidfreien Honig. An den Pollen, auch ein Bienenprodukt, merkt man das besonders stark. Über 90% der aus Deutschland stammenden verkauften Blütenpollen sind deutlich mit Pestiziden belastet, Bio wie konventionell. Und auch schädliche Pyrrolizidinalkaloide natürlichen Ursprungs aus Pollen sind bei Bio existent.

Bei der Nachverarbeitung des Honigs nach der Ernte (filtern, rühren, lagern, abfüllen) gibt es bei Bioland ebenfalls keine Unterschiede, die zu anderem Honig mit besserem Erhalt der wertgebenden Inhaltsstoffe führt. Wer auf all das Wert legt, darf sich nicht an Aufklebern auf dem Honigglas orientieren, sondern muss die Arbeitsweise und Standorte des Imkers kennen. Auch Bioland erlaubt Praktiken, die ich kritisch sehe und nicht einsetze, zum Beispiel das Erwärmen des Honigs mit Spezialgeräten ("Melitherm") für die leichtere Abfüllung. Damit wird wird der Honig geschädigt, um Fachkenntnis durch Technik ersetzen zu können. Bei Demeter ist dies nicht erlaubt, aber bei Bioland. Praktischerweise kann man trotzdem behaupten, es wäre keine Schädigung passiert, weil sich am leicht zu untersuchenden Anteil des Inhaltsstoffspektrums nichts ändert, aber Honig enthält insgesamt 200 Inhaltsstoffe mit unterschiedlicher Empfindlichkeit gegen Wärme. Honig sollte im Idealfall nie wärmer werden wie er es im Bienenvolk ist. Andere wichtige Bioland-Regeln sind in normal arbeitenden kleinen Imkereien sowieso Standard: Holzbeuten, umweltfreundliche Beutenanstriche, der Umgang mit den Königinnen, Behandlung von Bienenparasiten, keine Chemie, eigener Wachskreislauf. In allen Punkten entspricht die gute imkerliche Praxis exakt den Bioland-Vorschriften. Einziger Unterschied ist die Winterfütterung der Bienen, Bioland erlaubt nur Bio-Zucker. Der ist analytisch zwar identisch mit anderem Zucker, aber es geht um den systemischen Gedanken, die Biolandwirtschaft soll auch andere Produktionen nach Bioregeln fördern statt in isolierten "Bio-Inseln" zu bleiben. Dieser Biozucker wird von weit her geschafft (mehr Energie für Transport) und ist teurer weil die Erträge niedriger sind, damit haben wir schon einen der Gründe für höhere Endkosten. Umstellung und sonstige Wirtschaftsweise kosten auch Geld, aber das macht nicht viel aus.

Der andere und grösste Kostentreiber besteht jedoch aus zusätzlicher Bürokratie. Das Extrageld geht an Büros, nämlich die Zertifizierungsbüros, die privaten Biokontrollstellen. Bio wird ein Honig nicht wegen irgendeinem anderen Inhalt, sondern wegen einem Zertifikat dieser Privatfirma. Und der Kunde kauft keine Rückstandsfreiheit oder Qualität, sondern er kauft ein Zertifikat. Ohne Büro kein Bio. Jahrespauschalpreis und zusätzliche Kosten dieser Büros liegen bis 25 Bienenvölker bei 400-500 EUR jährlich. Diese Bürokraten sind natürlich superwichtig, kontrollieren sie doch Rechnungen, Ordner und stehen für schlaue Ratschläge bereit. Um deren "Arbeit" zu bezahlen, muss der Imker über 300 Gläser Honig zum höheren Preis verkaufen können, seine zusätzliche Arbeitszeit und Produktionskosten damit noch nicht einmal eingerechnet. Ein Teil seiner Bienen fliegt also nicht mehr für Produktion, Kunden oder Genuss, sondern für Papier, Berater und Kontrolleure. An den ausbildenden Bieneninstituten wird das ebenfalls nicht nur mit Freude, sondern auch kritisch gesehen, weniger ausgebildete Absolventen sind damit in der Imkerei und Forschung aktiv, die Zertifizierer ziehen das Personal ab, das dann in den Überwachungsaufgaben und Bürokratie tätig ist und von den höheren Lebensmittelpreisen lebt, aber nichts mehr produziert, weder neues Wissen noch Ware.

Diese Kontrollstellen haben eine Reihe eigener Probleme, so zum Beispiel einen generellen Interessenkonflikt zwischen Auftrag und Gewinne machen. Es sind keine Wohlfahrtsinstitute, sondern gewinnorientierte Unternehmen. Wird gut kontrolliert, dann kontrolliert man sich eventuell den Kunden und Geldgeber weg. Auch wenn Betrug aufgedeckt wird, führt das erstaunlich oft nur zu Abmahnungen. Die grösste deutsche Kontrollstelle ist Abcert, eine Aktiengesellschaft und die Aktien gehören ausgerechnet dem Bioland-Anbauverband, dessen Mitglieder unter anderem von Abcert kontrolliert werden. Auch personell gibt es erstaunliche Schnittmengen, im Aufsichtsrat sitzt jemand der selbst einen Bio-Grossbetrieb besitzt.

Kleine Imker haben dort freilich nichts zu sagen, für sie ist die Bio-Zertifizierung nur eine effiziente Marktzutrittsbarriere, da die laufenden Zertifizierungskosten für wenige Völker dasselbe sind wie für bis zu 25 Völker. Der kleine Imker kann sich ohne erhöhte Verluste in Kauf zu nehmen nicht zertifizieren lassen, weil er die fixen Bürokratenkosten nicht auf taugliche Verkaufsmengen umlegen kann. Bio wirkt also als Begünstigung von grösseren Betrieben und Blockade für kleine Imker. Und noch ein Profiteur kann sich über höhere Einnahmen freuen: Die Bürokratenhonorare werden natürlich versteuert und auch ein Laden zahlt mehr Steuern, je teurer ein Produkt ist. Das gilt auch für den Einkauf, zum Beispiel bei Biozucker (nicht bei Erwerbsimkern). Der Staat profitiert also von Bio finanziell kräftig. Generell profitiert er von höheren Lebensmittelpreisen, auch die Verbrauchssteuereinnahmen erhöhen sich dadurch. Damit enttarnt sich so manches Politikergeschwätz von "besseren" Lebensmitteln als billige Tarnung für teure staatliche Steuer-Mehreinnahmen.

Damit ist klar: Zertifizierer und Staat kassieren bei Bio viel bis alles der höheren Preise wieder ab. Diese Kosten entstehen überhaupt erst, weil sich Lebensmittelproduzent und Kunde im herrschenden Big Business entfremdet haben. Kennt der Kunde den Produzenten, kann er persönlich bei ihm vorbei, kann er Fragen stellen, sieht er seine Produktionsmittel und sein Handeln, dann ist das viel mehr wert wie jede Zertifizierung, die letztlich nur Papier kontrolliert und umwälzt, aber an der Sache selbst nichts ändert. Lasst euch lieber persönlich von Gutem und Leckerem verführen, zahlt aber keinen Wegezoll an Zöllner für den Weg dorthin.

Autor: P.


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