• 25.01.2017

Das Männermagazin

Leutnant Dino kommentiert

Der Kapitalismus ist nicht schlecht

hamburg

» Artikel vom

Nun bin ich 50 und nein, ich werde nicht senil. Ich habe jedoch ein sehr gutes Erinnerungsvermögen und ich weiß noch sehr genau, was vor 26 Jahren passiert ist. Das Leben schreibt immer spannende Geschichten und mittlerweile sind die 50jährigen von damals größtenteils verstorben. Daran merkt man, wie schnelllebig die Zeit ist. Die Chefs von einst sind tot und in exakt 34 Jahren bin ich an der Reihe. So sagt es mein buddhistischer Priester, der in der Nähe von Udon Thani in Thailand sitzt. Für diese Auskunft habe ich 129 Thailändische Bath, also rund 3 Euro bezahlt.

Die Presse hat im Moment das Thema der arbeitslosen Hochqualifizierten auf der Uhr. Es wird dazu viel geschrieben und viel gejammert, doch ich kann keine Motivation erkennen, die der Leser aufnehmen kann. Schuld sind immer die Anderen. Im heutigen System ist es nun mal so, dass die Eigeninitiative im Vordergrund steht. Wer sich nicht selbst helfen kann, der säuft ab. Das soziale Netz ist in Deutschland eigentlich nicht schlecht, aber wer auf Hartz IV leben muss, der hat kein gutes Leben. Es reicht gerade so für das tägliche Leben, aber Luxus ist mit Sicherheit nicht drin.

Vor genau 26 Jahren war ich 24 Jahre alt und ein junger Leutnant bei der Nationalen Volksarmee in der Deutschen Demokratischen Republik. Damals war ich Zugführer für Reservisten und nachdem bei der Wende mein Regiment aufgelöst wurde, arbeitete ich noch über ein Jahr als Lehrer im Hochschuldienst im Lehrstuhl für angewandte Physik an der Hochschule „Otto Winzer“ in Prora. Dort wurden ausländische Militärkader ausgebildet. Ich hatte bei der NVA Militärbau studiert in der Fachrichtung militärischer Eisenbahnstreckenbau. Soweit zu meiner Vorgeschichte.

Dann eines Tages kamen die ersten Bundeswehroffiziere in die Kaserne, die die friedliche Übernahme vorbereiten sollten. Für mich war es absolut klar, dass ich mich nicht der Bundeswehr anbiedern werde, um die Fronten zu wechseln. Für meine Genossen, die das taten, hatte ich ein müdes Lächeln, eigentlich tiefe Verachtung übrig. Sich dem Klassenfeind anschließen? Niemals. Und so kündigte ich und bekam 2.000,- DM Abfindung. Die steckte ich mir ein und war überzeugt, dass es für mich eine Kleinigkeit wird, in der Privatwirtschaft einen Job zu finden.

Ich kaufte mir eine Schreibmaschine und studierte in den Zeitungen die Stellenanzeigen, doch an meinem damaligen Wohnort in Binz auf der Insel Rügen waren die Möglichkeiten stark begrenzt. In Putbus/Rügen saß ich beim Bürgermeister zur Vorstellung für einen niederen Job im Katasteramt. Den bekam ich natürlich nicht, weil ich als Kommunist und Leutnant der NVA nicht tragbar war. Willkommen in der Demokratie. Dieser Bürgermeister sagte mir, dass ich und meinesgleichen am Mauerbau Schuld seien. Er hat mich nur zum Vorstellungsgespräch eingeladen, damit er mich genüsslich abfahren lassen kann. Ich lächelte ihn verächtlich an. Was für ein Würstchen.

Ich schrieb rund 90 Bewerbungen und bekam nur ein einziges Vorstellungsgespräch in Stuttgart bei einem Baukonzern. Den Job bekam ich aber nicht. Wahrscheinlich waren genügend andere Bewerber besser als ich. Schließlich hatte ich erst knapp zwei Jahre Berufserfahrung. Das ist nicht viel.

Ich musste meine Taktik ändern. Als staatstreuer und aktiver Kommunist fuhr ich schon in der DDR einen Trabant. Damals war ich auf der Sonnenseite des Lebens und im Kapitalismus sollte das an sich auch kein Problem sein. So hoffte ich jedenfalls.

Ausgestattet mit 10 Bewerbungsmappen startete ich meinen Trabbi morgens um 6 Uhr und fuhr von der Insel Rügen nach Hamburg. Das sind etwa vier Stunden Fahrzeit. Und ich erinnere mich noch wie heute. Ich sah die Ausfahrt Hamburg-Moorfleet und fuhr einfach ab. Rein intuitiv. Nach wenigen Kilometern sah ich links die Baufirma Deutsche Asphalt und rechts die KG Lafrentz. Ich musste nicht überlegen. Einfach rechts rum und dann parkte ich meine Pappe direkt beim Eingang auf einem Parkplatz. Erst später erfuhr ich, dass dies ausgerechnet der Parkplatz des Geschäftsführers war.

Ich ging zur Sekretärin ins 1. OG, grüßte freundlich und fragte höflich nach einer freien Arbeitsstelle als Bauleiter. Sie sagte mir, dass der Geschäftsführer nicht da sei, aber der Oberbauleiter. Der hatte gerade Zeit und nach zwei Minuten saß ich an seinem Schreibtisch. Herr Reinhold, so hieß er, plauderte gleich los und erzählte mir seine Lebensgeschichte. Er stammte aus Rostock und sie hätten gerade einen Bauleiter nach Leipzig versetzt. Da wäre es nur gerecht, nun einen Ostdeutschen in Hamburg einzustellen. Nur könne er das nicht entscheiden, aber der Geschäftsführer käme gegen 20 Uhr zurück und ich sollte doch abends nochmal vorbei kommen.

So saß ich abends beim Geschäftsführer. Ich hatte mich über die Fa. Lafrentz informiert und wusste, was sie so alles machen. Nach einer Stunde sagte mir der GF, dass ich im nächsten Monat anfangen könne, doch weil ich aus dem Osten komme, kann er mir nur den Technikertarif bezahlen. Und einen Wermutstropfen hätte er noch. Nachdem er vor zwei Monaten einen Jungingenieur angestellt hat, stehe ich mit dem in Konkurrenz, weil er perspektivisch nur einen gebrauchen könnte.

Um es auf den Punkt zu bringen. Nach drei Monaten wurde der Absolvent entlassen und ich bekam meine Festanstellung. Mein Anfangsgehalt lag bei brutto 3.507,- DM. Das war im März 1991. Im September waren es schon 4.669,- DM. Im Dezember des gleiches Jahres bekam ich eine Prämie von 6.000,- DM und im darauffolgenden Februar nochmal 6.000,- DM als Prämie. Dazu einen nagelneuen Firmenwagen vom Typ Passat mit Autotelefon. Es ging nur noch steil bergauf. Ist der Kapitalismus etwa schlecht zu mir gewesen? Nein, überhaupt nicht.

Und wenn ich heute die Jammerartikel der arbeitslosen Master lese, dann weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Da hole ich stets meinen besten Spruch heraus: Ein guter Kommunist war immer schon ein erstklassiger Kapitalist! Schließlich habe ich den Kapitalismus studiert. Ich muss es wissen.

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