• 27.02.2017

Das Männermagazin

Leutnant Dino kommentiert

Kapitalismus pur

hamburg

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1991, Baufirma KG Lafrentz in Hamburg. Mein erster Arbeitstag. Um 7 Uhr stand ich auf der Matte. Mein Oberbauleiter Frido, schlank und drahtig, brüllte immer, weil er auf einem Ohr schwerhörig war. Frido war ein erstklassiger Fachmann, aber auch ein brutaler Hund. Fortan führte er mich und ich setzte widerspruchslos alles um. Logisch, ich war der Neue. Am nächsten Tag übernahm ich einige Kolonnen und startete immer um 6. Für mich kein Problem als ehemaliger Offizier. Und mit Männern konnte ich schon immer umgehen. Angst kannte ich nicht.

Aber der Kapitalismus hat so seine Tücken. Nun ging es um Deckungsbeiträge, die sorgfältige Abwicklung der Aufträge und alle Aktivitäten waren dem Geldverdienen untergeordnet. Ich musste schnell die Bedienung der Computeranlage erlernen und ein Faxgerät kannte ich bislang auch nicht. Obendrein war mir die Stadt Hamburg völlig unbekannt. Damals gab es noch die Falk Stadtpläne, die zigfach gefaltet waren.

Mein Oberbauleiter Frido brüllte mich an, dass ich meinen Arsch bewegen soll, denn wir mussten zu einer Baustelle. Einen Stadtplan bräuchte ich nicht, ich solle einfach mit meinem Passat hinter ihm herfahren. Kein Problem. Frido fuhr los, auf die Autobahn und trat das Gaspedal durch. Bei 170 km/h habe ich ihn ziehen lassen, weil ich damals die hohen Geschwindigkeiten nicht gewohnt war. Frido fuhr mir davon und ich verlor ihn. Nun wusste ich weder wo ich war, noch kannte ich die Lage der Baustelle. Fridos Autotelefon war aus und ich irrte durch Hamburg. Schließlich fuhr ich wieder in die Firma zurück. Da erwarteten mich schon alle. Lachend klopften sie mir auf die Schulter. Ich schämte mich ein wenig, aber die Kollegen hatten sichtlich Spaß daran, dass ich nicht nur Frido verlor, sondern auch knapp zwei Stunden brauchte, um den Weg zurück in die Firma zu finden. Den Spott habe ich ertragen müssen und von da an war der Stadtplan immer in meiner Jackentasche.

Natürlich war das Thema über die faulen Ossis immer präsent und meine Kollegen vergaßen dabei, dass ich auch aus dem Osten kam. Als sie es merkten, betonten sie immer, dass ich nicht gemeint sei. Logisch. Ich erinnerte mich an den Bürgermeister von Putbus und musste meinen Kollegen zustimmen, dass die ostdeutschen Neudemokraten faule Säcke seien. Eine Schande für die DDR. So haben wir gemeinsam gelacht. Natürlich war alles spaßig gemeint. Auf dem Bau herrscht immer ein rauer, aber herzlicher Ton.

Damals wohnte ich noch in Binz auf Rügen und hatte in Hamburg ein möbliertes Zimmer angemietet. Mein funkelnagelneuer Passat fiel in meinem Wohngebiet in Binz natürlich auf. Dort grassierte gerade die Arbeitslosigkeit, weil die Firmen reihenweise pleitegingen. Einerseits bekam ich auf Rügen keinen Job, doch andererseits wurde ich beschimpft, dass ich als Kommunistenschwein wie die Made im Speck lebe. Die Folgen waren zerstochene Autoreifen und Kratzer im Lack. Da wurde es für mich langsam Zeit, den Wohnsitz komplett nach Hamburg zu verlegen. Doch das war ein echtes Problem.

Der Wohnungsmarkt in Hamburg war immer schon angespannt und bei bezahlbaren Wohnungen bewarben sich stets mehr als 50 Wohnungssuchende. Das war echter Frust. Aber mir halfen immer schon die Zufälle im Leben. In der Gewölbekneipe Gröninger in Hamburg sprach ich damals mit meiner ersten Ehefrau über das leidige Thema Wohnung. An dem großen Holztisch, wo wir saßen, sprach mich ein Mann an, der unser Gespräch verfolgt hatte. Er sagte, dass er mir helfen könne und gab mir seine Visitenkarte. Ein Vorstandsmitglied einer Wohnungsbaugesellschaft. Am nächsten Tag rief ich ihn an und nach einem Monat bezog ich eine nagelneue Dachgeschoßwohnung für unter 1.000 DM. Wie geil war das denn?

Das Jahr 1991 lief schon richtig gut, aber das Jahr 1992 war der Hammer. Ich hatte einen krisenfesten Job als Bauleiter, das Gehalt war Klasse, die Prämien flossen satt und ich hatte eine schöne Wohnung. Ist der Kapitalismus etwa schlecht? Nein, überhaupt nicht.

Aber ich tappte auch in so manches Fettnäpfchen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich mit den Spesen bei meinem Geschäftsführer blamierte. Ein Kunde wollte mit mir Essen gehen. Wir mampften die dicken Steaks und als es ans Bezahlen ging, sagte ich dem Kellner, dass wir getrennt bezahlen. Mein Kunde schaute mich etwas komisch an, doch ich dachte mir nichts dabei. So fuhr ich vollgefressen zurück in die Firma, wo der Geschäftsführer mich umgehend in sein Büro zitierte. Er hielt mir eine Standpauke, dass ein Kunde immer eingeladen wird und ich grundsätzlich die komplette Rechnung zu übernehmen habe. Und ich als unbedarfter Ossi entgegnete, dass ich doch nicht von meinem Lohn das Essen des Kunden bezahlen will, da lachte er herzhaft, wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte mir, dass ich mir einen Spesenvorschuss holen soll. Die Sekretärin würde mir das System erklären. Das war freilich wieder ein köstlicher Brüller in der Firma. Ich glaube schon, dass meine Kollegen mich auch deshalb mochten, weil ich immer für eine kleine Granate gut war. Ich wusste Vieles einfach nicht und bin so immer wieder in die Falle gelaufen.

Irgendwann kümmerte sich eine Kollegin um mich und meine kleinen interkulturellen Problemchen. Als der Geschäftsführer 50 wurde, war die ganze Firma bei ihm eingeladen. Während ich das riesige und vielfältige Buffet bestaunte, flüsterte mir meine Kollegin ins Ohr, was da so alles lag. Schrimps, Auberginen und viele andere Köstlichkeiten. Das meiste kannte ich schlichtweg nicht. Dann haute ich mir den Magen voll. Eine tolle Party.

1991 war ich schlank und rank, doch nach knapp 2 Jahren Kapitalismus hatte ich 10 Kilo mehr auf der Waage. Das Essen war einfach zu gut. Jeden zweiten Tag musste ich mit Kunden Essen gehen und mein Kühlschrank war immer gut gefüllt. Da sagte ich mir als Kommunist, dass der Kapitalismus so schlecht nun wirklich nicht ist. Die Wende habe ich zwar nicht gewollt, aber so wie es jetzt lief, konnte ich mich nicht beschweren. Und die Arbeitslosen im Osten? Selbst gewähltes Schicksal. Alle haben in der DDR gewusst, dass es im Kapitalismus Verlierer gibt, aber niemand glaubte daran, dass es einen selbst erwischen könnte. Doch das kann nicht mein Problem sein. Die DDR wählte den Kapitalismus und die Selbstbestimmung. Ich nicht, aber ich kam damit eben klar.

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